- Auf dem ersten Blick sieht es nicht wie eine Glocke aus.
- Auch von nahem wirkt es eher wie ein Ei.
- Aber eine Tafel davor erklärt, dass es sich um eine Glocke handelt.
Viel mehr als nur ein Ei
Goldenes Ei, Kunstwerk oder doch eine Glocke? Wer über den Augustusplatz in Leipzig spaziert, kommt an der auffälligen, goldglänzenden Skulptur kaum vorbei. Manche kennen sie schon seit ihrer Kindheit, andere wissen nicht genau, was es mit dem ungewöhnlichen Objekt auf sich hat. Dabei steckt hinter der Form ein Stück Leipziger Geschichte.
Ein Ei, das an die Friedliche Revolution erinnert
Offiziell heißt das Kunstwerk Demokratieglocke. Entworfen hat sie der Künstler Via Lewandowsky. Eingeweiht wurde sie am 9. Oktober 2009 – genau 20 Jahre nach der historischen Montagsdemonstration, die zu den entscheidenden Ereignissen der Friedlichen Revolution in der DDR zählt.
Die Glocke erinnert an den 9. Oktober 1989, als Zehntausende Menschen in Leipzig für Freiheit und politische Veränderungen auf die Straße gingen. Jeden Montag um 18.35 Uhr schlägt sie zwölfmal. Die Uhrzeit erinnert an den Beginn der damaligen Demonstration.
Warum sieht die Glocke aus wie ein Ei?
Die Form ist kein Zufall. Der eiförmige Körper besteht aus polierter Bronze und glänzt golden. Das Ei lässt sich als Symbol für einen Neuanfang lesen – würde zumindest zum gesellschaftlichen Umbruch von 1989 und dem Ende der DDR passen. Gleichzeitig steckt in der ungewöhnlichen Gestaltung auch eine Portion Ironie. Die Bezeichnung „goldenes Ei“ ist längst geläufig. Die Skulptur lädt dazu ein, genauer hinzusehen und sich zu fragen, was hinter dem ersten Eindruck steckt.
Ein Denkmal, das nicht nur still dasteht
Auch an den übrigen Tagen bleibt die Demokratieglocke nicht stumm: Zwischen 8 und 20 Uhr schlägt sie zu jeder vollen Stunde nach einem Zufallsprinzip zwischen ein- und zwölfmal. Am Fuß der Skulptur befindet sich ein umlaufender Granitring. Darauf steht ein kurzes Gedicht, ein sogenanntes Haiku, des Dresdner Lyrikers Durs Grünbein: „Demokratie ist – in unendlicher Nähe – längst sichtbar als Kunst“.
Die Glocke verbindet damit Kunst und Erinnerung an einem zentralen Ort der Stadt. Sie erinnert an die Menschen, die 1989 in Leipzig für Veränderungen demonstrierten – und daran, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist. Wer das goldene Ei auf dem Augustusplatz also das nächste Mal sieht, entdeckt vielleicht mehr als eine ungewöhnliche Skulptur: ein Denkmal für einen entscheidenden Moment in der Geschichte Leipzigs.


